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Interview

PfeilBülent Ceylan
Rammstein und Ramadan
Bülent Ceylan, 33 wird als nächster großer Comedystar gehandelt. Momentan ist er mit seinem Bühnenprogramm „Ganz schön turbülent“ unterwegs, im November kommt er nach Hildesheim. PUBLIC-Autor Olaf Neumann sprach mit dem Mannheimer über Moslems und Humor, türkische Väter und deutsche Großväter.Therapy?

In Mannheim traten Sie bereits vor beeindruckenden 10.000 Zuschauern auf. Für 2010 sind zudem einige der größten deutschen Hallen gebucht. Peilen Sie jetzt das Massenpublikum an?

Ich hoffe, die neue DVD wird mein großer Durchbruch. Wenn der jetzt nach zehn Jahren kommt, ist mir das recht. Ich möchte gerne nicht nur in Mannheim, sondern auch in Dortmund und anderswo vor großem Publikum spielen. Mario Barth hat mich angerufen und zu seiner Show eingeladen. Aber nicht nur die privaten Sender, auch 3Sat hat weiterhin Interesse. Die Mischung zwischen Kabarett- und Comedypublikum ist mir persönlich sehr wichtig.

Es wird immer wieder behauptet, das Niveau der Witze nähme seit Jahren kontinuierlich ab. Aber eigentlich ist es doch eher ein Absinken der Hemmschwelle, oder?
Ich würde niemals das S-Wort zehnmal benutzen, damit die Leute schreien. Comedy sollte einen gewissen Level haben. Ich will nicht nur über Frauen, Männer und Sex reden, ich will auch Themen wie Rassismus beackern, die vielleicht nicht jedem passen. In meinen Figuren steckt einerseits eine gewisse Bauernschläue, andererseits hauen sie auch gerne mal drauf. Im Herbst komme ich mit einem ganz neuen Programm raus. Ich erzähle zum Beispiel darüber, wie sich mein türkischer Papa und mein deutscher Opa immer gestritten haben. Ich finde es witzig, aufzuzeigen, wie deutsche und türkische Kultur aufeinander treffen. Das stimmt ja alles.

Welche Vorstellung hatte Ihr deutscher Großvater von Ihnen?
Mein Opa wollte, dass ich Soldat werde. Mein Papa sagte aber: „Nein, er wird Türke!“ Als er merkte, dass sich der Opa zu sehr um mich kümmerte, mir zum Beispiel das Fahrradfahren beibrachte, ging Papa mit mir in den Holidaypark – zum Eselreiten. Das sind bühnenreife Sachen, da muss man als Comedian einfach was draus machen. Es muss immer ein Funken Wahrheit drin stecken, sonst nimmt einem das keiner ab.

Ihr Großvater ist angeblich auch Schuld an Ihrer Mähne. Wie das?
Mein Opa wollte für mich eine Kurzhaarfrisur mit Mittelscheitel und Pomade. Mein Vater hingegen bestand auf einer verschnittenen Türkenfrisur mit flachem Hinterkopf. Nach einigem Hin und Her mischte meine Mutter sich in die Diskussion ein, indem sie sagte: „Schluss jetzt – ab heute geht der Bub nie mehr zum Friseur!“ So kam ich als schüchterner Junge zu meiner Mähne. Meine komische Ader habe ich aber erst in der Oberstufe entdeckt.

Ein Klischee lautet: Moslems haben keinen Humor. Wollen Sie damit aufräumen?
Absolut. Mein Vater ist definitiv witzig, nur merkt er es manchmal selbst nicht. Sein Humor ist sehr trocken. Auf der anderen Seite gibt es Katholiken, die regen sich schon auf, wenn man nur das Wort „Papst“ in den Mund nimmt. Manchmal kriege ich Drohungen von radikalen Moslems: „Wie kannst Du dich bloß über deinen Vater lustig machen?!“ Ich antworte dann immer: „Ja, ist es denn euer Vater oder meiner? Ich kann doch über den reden was ich will!“ Die Leute sollen sich mal locker machen.

Wie geht Ihr türkischer Vater damit um, Zielscheibe Ihres Humors zu sein?
Mein Vater steckt auf dem Standpunkt, so lange ich damit Geld verdiene, könne ich ihn ruhig fertig machen. Damit ist die Sache für mich erledigt. Diese Drohungen von Fundamentalisten sind manchmal so krank. Davor kann man sich nicht schützen, aber man darf sich auch nicht einschüchtern lassen. Dann würden die ja gewinnen. Die Türken, die zu mir kommen, können jedenfalls über sich selbst lachen.

Und wie ist Ihre deutsche Mutter so?
Meine Mutter trägt die Warmherzigkeit in sich. Diese Mischung ist vielleicht das Erfolgsrezept meiner Bühnenshow. Einfach nur ein gutes Programm abzuliefern reicht nicht in Krisenzeiten wie heute. Es muss auch eine gewisse Wärme dabei sein.

Sie sind Halb-Moslem und Halb-Christ. Wie verträgt sich das miteinander?
Das Schöne ist, dass meine Eltern mir die Entscheidung immer frei gelassen haben. Die ganze Familie hat zusammen Weihnachten gefeiert, aber mein Vater hat mir auch den Ramadan erklärt. Er gehörte zur ersten Generation Türken in Deutschland. Wenn alle so locker wären wie er, dann gäbe es viel mehr Frieden auf der Welt. Mein Identifikationsproblem habe ich mit Humor verarbeitet. Etwas Besseres als eine deutsche Mutter und einen türkischen Vater konnte mir gar nicht passieren. Letzten Endes ist aber der Mensch entscheidend und nicht die Herkunft.

Kaya Yanar hat mit seiner Fernsehshow „Was guckst du?“ die deutsch-türkische Comedy populär gemacht. War er auch für Sie ein Wegbereiter?
Dazu muss ich sagen, dass ich schon vor Kaya ein Soloprogramm hatte. Aber durch das Fernsehen konnte er sich schneller vermarkten als ich. Damals überlegte ich noch, ob ich die Figur des Machotürken Hassan aus meinem Programm streichen sollte. Aber das Publikum hat anders entschieden. Ich wollte mich auf keinen Fall auf die türkische Schiene festlegen. Also brachte ich meine Mannheimer Herkunft und meine Rock’n’Roll-Leidenschaft mit ins Spiel. Ich stehe zu meinem türkischen Wurzeln, aber im Herzen bin ich ein Rocker. Das ist kein ausgedachtes Image. Privat höre ich Bands wie Tool, Pearl Jam und Korn. Bei Rammstein finde ich gerade die Texte witzig. Eine gute Inspiration.

Rockmusiker nehmen sich in der Regel sehr ernst. Eine Steilvorlage für die Comedy?
Vor allem die Bilder von Dark-Metal-Bands kommen immer unheimlich ernst rüber. Das ist auch schon wieder komödiantisch. Man muss alles auf die Schippe nehmen können, vor allem sich selber.

Türkisch- oder kurdischstämmige Menschen stellen die größte Gruppe von Ausländern dar, die in Deutschland leben. Warum gibt es in Deutschland dennoch so wenige Politiker mit türkischem Migrationshintergrund?
Im kreativen Bereich gibt es inzwischen viele Deutsch-Türken: Regisseure, Sänger, Schauspieler, Comedians. Ich glaube, wenn es um die Kanzlerfrage geht, wird der Durchschnittsdeutsche immer sagen: „Dann doch lieber einen Ossi als einen Türken!“ Wobei wir Türken allerdings eher in Westdeutschland waren als die Ostdeutschen.

Entwickelt man als Mensch mit Migrationshintergrund Fähigkeiten, die „normale“ Deutsche nicht haben?
Ich bin ja hier geboren. Ich hatte immer den Wunsch, akzeptiert zu werden. Ich kann heute aber nicht sagen, ob das an meiner Herkunft lag. Vielleicht lag es ja auch daran, dass ich als Schüler keine Jeans anzog. Deshalb hatte ich damals das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Heute soll ich auf jeder Party tanzen, früher wäre ich froh gewesen, wenn überhaupt irgendein Mädchen etwas von mir gewollt hätte. Privat würde niemand merken, dass ich auf der Bühne eine Rampensau bin. Ich bin ein bisschen wie Jekyll und Hyde.



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