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Interview

PfeilTocotronic
Ticket in den Traum
Ordnung bedeutet Sicherheit ,da weiß man, was man hat … ein Gräuel für Tocotronic, die von vielen als Deutschlands beste Band bezeichnet werden. PUBLIC-Autor Olaf Neumann hat mit Sänger Dirk von Lowtzow am Klavier gesessen und über 25 Jahre Bandgeschichte geredet.
Culcha Candela

Ich komme gerade von einem Interview mit Nena. Beim Stichwort Tocotronic sagte der Popstar: „Indierocker wollen keinen Erfolg“. Ist das wahr?

Erfolg ist eine relative Größe. Uns gibt es jetzt seit 25 Jahren und wir konnten in der Zeit immer genau die Musik machen, die wir wollten. Das ist für mich ein sehr großer Erfolg.

Sind Sie in den vergangenen 25 Jahren wirklich keinen einzigen Kompromiss eingegangen?

Jedenfalls keinen nennenswerten. Wir sind ein Kollektiv. Wir haben vielleicht mal eine Strophe gekürzt für einen Radioedit, aber nichts Spektakuläres. Man kann vielleicht noch mehr kommerziellen Erfolg haben, wenn man sich in eine bestimmte Richtung begibt oder künstlerische Kompromisse eingeht, aber das kam für uns nie infrage. Das ist vielleicht auch das, was Nena meint. Und sie hat da bestimmt ganz andere Erfahrungen gemacht. Wir sind in den letzten 15 Jahren variantenreicher geworden, weil wir viel mehr Musik entdeckt haben als in unserer Anfangsphase. Damals spielten wir eher laut als leise, eher ungestüm und krachig als raffiniert. Natürlich erweitert man seinen musikalischen Kosmos, wenn man älter wird.

Sie haben erstmals in Ihrer Karriere autobiografische Songs geschrieben. Sind Sie in der Midlife-Crisis angekommen?

Das ist dem Wunsch nach künstlerischer Veränderung geschuldet. Wir haben das in der Vergangenheit immer wieder getan. „Die Unendlichkeit“ ist unser zwölftes Album in 25 Jahren. Es muss für einen selber spannend sein. Dazu gehört, dass man Positionen, die man vor acht Jahren hatte, einer Revision unterzieht. Der Maler Francis Picabia sagte: „Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann.“ Für Künstlerinnen und Künstler ist es ganz wichtig, dass sie nicht auf einem Status quo feststehen bleiben. Was das autobiografische Schreiben anbelangt, hatte ich das Gefühl, jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt dafür. Ich bin nicht unmittelbar von der Midlifecrisis betroffen, aber es hat sicher auch etwas mit dem Alter zu tun. Mit 35 wäre ich noch zu nah an bestimmten Sachen dran gewesen.

Wie heftig war der Gegenwind in Ihrer Jugend in Offenburg?

Den Gegenwind habe ich in gewisser Hinsicht auch provoziert. Ich war anders als meine männlichen Altersgenossen, weil ich mich sehr stark mit Rockmusikerinnen und Rockmusikern identifizierte. Ich war kein Fußballfan. Mitte der 80er Jahre war New Romantic sehr populär, dazu gehörte eine androgyne Erscheinung inklusive gefärbter Haare. Das erregte Aufsehen in einer Kleinstadt wie Offenburg. Meistens sind diese Beleidigungen leider homophob. Schwuler oder Schwuchtel sind auch heute auf Schulhöfen noch Schimpfwörter. Natürlich war man da einer Bedrohung ausgesetzt. Der Song „Hey Du“ ist in gewisser Hinsicht nostalgisch. Aber das Gefühl, angeglotzt und beleidigt zu werden, kennen junge Leute von heute genauso, die nicht ins Bild passen.

Mit welcher Platte hatten Sie Ihr Erweckungserlebnis?

Mit 14 hörte ich „Raw Power“ von Iggy & The Stooges. Als ich anfing, Gitarre zu spielen, fand ich diese punkige Energie und Einfachheit faszinierend. Iggy Pop war ein ambivalentes Wesen. Allein sein Foto auf dem Cover ist total effeminiert und sexuell gefährlich. Dieser Mann konnte einem Angst machen, aber auch faszinieren. Die Art, wie er Performancekunst in diese Musik integrierte, war sehr theatralisch. Er stilisierte sich selber zu einem Kunstobjekt, was wiederum mit Selbstvernichtung einherging. Wenn man in einem Reihenhaus in einer Kleinstadt aufwächst und solch ein Cover sieht, bringt das etwas ungemein Gefährliches an einen ran.

War der Rock'n'Roll für Sie das Ticket in ein anderes, befreites Leben?

Eher in ein Traumleben. Diese Welt jenseits der binären Konstruktionen von Mann/Frau fand natürlich nicht statt in dem Reihenhauskeller, in dem ich meine E-Gitarre hatte. Aber in meinen Träumen. Sehr prägend waren für mich sexuell ambivalente Künstler wie eben Iggy Pop, Jeffrey Lee Pierce oder David Bowie. So wollte auch ich sein. An ihnen merkte man, es gibt auch in punkto Geschlechtlichkeit ein transgressives Moment. Bei einem jugendlichen Metalfan wäre das sicher anders gewesen, obwohl es da auch Bands wie Hanoi Rocks oder Mötley Crüe gab.

Inwieweit haben Sie in Hamburg den Rock'n'Roll wirklich gelebt?

Das wäre ja Teil dieser authentischen Rockkultur gewesen, von der wir wussten, dass sie eigentlich schon Fake ist. Aber nachdem wir die ersten Platten und Touren gemacht hatten, habe ich teilweise schon sehr viel getrunken. Um dem Druck stand zu halten und um mir Mut zu machen. Das ist für Rockmusikerinnen und Rockmusiker nichts Außergewöhnliches. Und Hamburg ist eine Stadt, in der sehr viel getrunken wird, gerade auf dem Kiez. Während in Berlin neue Formen der Ekstase ausprobiert wurden, gab es in Hamburg noch sehr lange Kaschemmen mit bezeichnenden Namen wie Gun Club oder den Goldenen Handschuh. Wir waren Hausband in Heinz Kramers Tanzcafé in einem Abrisshaus in der Budapester Straße. Dort fanden regelmäßig Trinkexzesse statt.

Wann haben Sie das erste Mal ein Hotelzimmer zerstört oder einen Fernseher aus dem Fenster geworfen?

Das haben wir nie gemacht! Wir haben immer nur Kopfkissen aus dem Fenster geschmissen, um die Nachbarn zu schonen. Das fällt weich und macht keinen Krach. Aber Ärger kriegt man trotzdem am nächsten Tag.

 

Tocotronic auf „Die Unendlichkeit“-Tour:

03. bis 05.08.18 Watt En Schlick Festival, Dangast
28.07.18 Arena Open Air, (AT) Wien
27.07.18 Kulturarena Jena
14.07.18 Open Source Festival, Düsseldorf
17.04.18 Columbiahalle, Berlin (Zusatzkonzert)
16.04.18 Columbiahalle, Berlin (Ausverkauft)
14.04.18 Alter Schlachthof, Dresden
13.04.18 Republic, (AT)Salzburg
12.04.18 Tonhalle, München
11.04.18 E-Werk, Freiburg
09.04.18 X-Tra, (CH)Zürich
08.04.18 Theaterhaus, Stuttgart
07.04.18 Weststadthalle, Essen
06.04.18 Werk 2, Leipzig
17.03.18 Große Freiheit 36, Hamburg (Ausverkauft)
16.03.18 Grosse Freiheit 36, Hamburg (Zusatzkonzert)
14.03.18 Capitol, Hannover
13.03.18 E-Werk, Köln
12.03.18 Schlachthof, Wiesbaden
11.03.18 Stadtgarten, Erfurt
09.03.18 E-Werk, Erlangen
08.03.18 Halle 02, Heidelberg
07.03.18 Sputnikhalle, Münster
06.03.18 Schlachthof, Bremen



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