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Interview

PfeilNena
„Für mich spielt Gott eine große Rolle“
Nena wurde als Idol der Neuen Deutschen Welle in den 1980er Jahren weltbekannt. Nun feiert die ewig junge vierfache Mutter und dreifache Großmutter ihr 40. Bühnenjubiläum mit einer ausgedehnten Tournee und einem Greatest-Hits-Album. PUBLIC-Autor Olaf Neumann traf sich mit der Sängerin an einem idyllischen See bei Hamburg.
Culcha Candela
Foto: Kristian Schuller

Nena, Ihre Jubiläumstournee unter dem Motto „Nichts versäumt“ ist Ihre längste Konzertreise seit 2010. Was treibt Sie nach 40 Jahren auf der Bühne noch an?
Tourneeleben ist für mich meistens bunt, aufregend und schön. Ich bin seit 40 Jahren auf der Bühne, und es bleibt spannend. Immer noch ist jedes Konzert neu und anders. Es ist herrlich, mit den Leuten, die in unsere Konzerte kommen, im direkten Austausch zu sein. Was mich auch immer wieder fasziniert, ist, dass man in den letzten Minuten vor einem Auftritt nicht einfach aussteigen kann. Man kann sich nur noch voll auf das Abenteuer einlassen, ohne zu wissen, was genau passieren wird (lacht).

Welches Verhältnis haben Sie zu Ihren Songs?
Ein Song wie „99 Luftballons“ ist auch ein Wesen. Es wird für mich nach wie vor keine Show ohne ihn geben. Die Kunst ist, diesem und anderen Songs, die mich schon so lange begleiten, den Raum zu geben, sich auch weiterzuentwickeln.

Hatten Sie als Kind in Ihrer Familie ein leuchtendes Beispiel, was die Musik betrifft?
Mein Vater interessierte sich sehr für Musik. Er war Studiendirektor an einem Jungengymnasium und unterrichtete Latein, Biologie, Altgriechisch und Sport. In seinen Abiturklassen setzte er sich zur Beruhigung aller oft ans Klavier und klimperte ein bisschen darauf rum. Er hatte großes Verständnis für meine Musikleidenschaft. Mit sechs schenkte er mir ein Akkordeon, zwei Jahre später lag eine Akustik-Gitarre unterm Tannenbaumbaum. Irgendwann brachte er sogar ein Klavier mit nach Hause. Mit meinen eigenen Kindern hab ich`s genauso gehalten.

Wie gehen Sie heute mit Ihren erwachsenen Kindern um?
Ich habe durch die Bank sehr temperamentvolle Kinder. Und ich bin auch nicht gerade der ruhige Typ. (lacht) Meine Kinder sind genauso direkt wie ich. Wenn wir uns streiten, geht richtig die Post ab. Meistens ist nach einer halben Stunde aber alles wieder im Lot.

Bei vielen Künstlern, die früh starten, ist das Erwachsenwerden die schwierigste Phase. Wie sind Sie mit dem frühen Erfolg klar gekommen?
Ich war 17, als ich meine erste Band gründete und von da an hab ich praktisch im Proberaum gewohnt. Wenig später standen wir als Band mit unserem allerersten Live-Konzert auf der Bühne. Noch bevor wir groß drüber nachdenken konnten, standen plötzlich ein paar A&R-Jungs vor der Tür und wollten uns unbedingt einen Plattenvertrag aufschwatzen. (lacht) Es hatte ihnen gereicht, uns einmal live zu sehen. Sie wollten es unbedingt, und wir wollten es auch. Jugendlicher Leichtsinn war für mich immer ausschließlich positiv besetzt. Und diese Kraft führt mich auch heute noch in tolle Abenteuer.

Was haben Sie sich damals als erstes geleistet?
Von dem Geld kauften wir uns eine erste eigene PA und einen alten Bus. Da passte alles rein: Mein Hund, die Instrumente, die PA, ein paar Taschen und die komplette Band natürlich. So sind wir erst mal ein Jahr lang an jedem Wochenende durch Deutschland getourt. Angebote gab es genug, ausgelassen haben wir nichts. Während dieser Zeit waren wir auch im legendären Hotline-Studio in Frankfurt und haben unser erstes The Stripes-Album aufgenommen. Von dort aus ging's für mich wenig später direkt nach Berlin und ich gründete die Nena-Band. Unser Durchbruch war der TV-Auftritt im Musikladen 1982. „Nur Geträumt“ verkaufte sich gleich am nächsten Tag 40.000-mal. Und von da an waren wir erst mal die Mega-Stars. Wenn man Schritt für Schritt auf etwas hinarbeitet, woran man glaubt, kommt man mit einem solch immensen Erfolg superklar. Es war die große Freude für uns alle. Und es sollte ja auch nicht so schnell wieder aufhören.

Wie tanken Sie sich wieder auf? Wie bereiten Sie sich vor?
Ich gehe auch auf Tourneen morgens raus aus den Hotels und suche mir den nächsten Wald, durch den ich laufen kann. Außerdem feiern wir viel und ausgiebig, das ist mindestens genauso wichtig wie die regelmäßige Bewegung an der frischen Luft. Konzerte zu spielen ist immer wieder ein Abenteuer. Und auch wenn ich darin jede Menge Erfahrung habe, wird mir das bis heute nicht zur Routine. Es ist wichtig, mit einem guten Gefühl und Freude auf die Bühne zu gehen. Wenn der Vorhang aufgeht, spielt nur noch das Jetzt eine Rolle. Alles andere muss dann für mindestens zwei Stunden in der Garderobe auf mich warten.

Apropos Natur: Kommt alle Musik aus einer höheren Sphäre?
Lieder wie „In meinem Leben“, „Wunder gescheh’n“, „Leuchtturm“ und viele andere, die ich geschrieben habe, sind zu mir gekommen. Da hatten die höheren Sphären auf jeden Fall auch ihre Finger mit im Spiel.

Welche Rolle spielt Gott in Ihrem Leben?
Für mich spielt ein Herr Gott eine große Rolle. Ich bekomme definitiv klare Ansagen aus dem Universum. Diese setze ich um in meiner Musik und in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen. Manchmal kriege ich auch für andere eine klare Ansage. Das nennt man einen guten Rat. Das ist Intuition und weit weg von kompliziertem Denken.

Ist Gott eher männlich oder eher weiblich?
Es gefällt mir, in Gott das männliche Prinzip zu sehen. Es funktioniert aber nie ohne das Weibliche. Es ist wie eine Einheit.

Was sagt Ihnen Ihr Glaube: Wird Ihre seelische Energie nach diesem Leben irgendwo weiterleben?
Nicht nur nach meinem irdischen Leben, das passiert alles gleichzeitig. Man hat in jeder Sekunde die Möglichkeit, sich dem Göttlichen zuzuwenden. Weil Gott auch in mir und nicht irgendwo da oben ist. Es ist nicht so, wie die katholische Kirche es mir in meiner Kindheit mit auf den Weg geben wollte: dass Gott für mich nur erreichbar ist, wenn ich ein braves Mädchen bin. Ich wurde als Kind zur Beichte geschickt, und dafür musste ich mir irgendwelche Sünden ausdenken. (lacht) Und die ziehen das heute immer noch so durch ... Ich hatte schon in meiner Kindheit eine ganz andere Beziehung zu Gott. Frei von Schuld und voller Liebe.

Waren die frühen 80er Jahre eine gute Zeit für den Karrierestart?
In meinem Fall ja offensichtlich schon. (lacht) Nur dass ich nicht morgens beim ersten Augenaufschlag gesagt hab: „Nena, du musst jetzt Karriere machen“. Das war bei mir nie die Motivation. Es ist eben dann einfach passiert. Als ich meine allererste Band hatte, wusste ich nicht mal, dass es goldene Schallplatten gibt. Aber ich habe immer auch gern Erfolg gehabt. Es ist auch ein mega Erfolg für mich, dass ich seit 40 Jahren auf der Bühne stehe und die Konzerte immer voll sind. Danke!

Welche persönlich wichtigen Ziele konnten Sie in Ihrem Leben nicht realisieren?
Ich habe immer das realisiert, was mir wirklich wichtig war. Und so geht`s auch weiter. Das trägt mich durchs Leben.

Verstehen Sie eigentlich, was die Leute an Ihnen gut finden?
Darüber denk ich nicht nach. Aber besonders freut mich, dass viele auch das mögen, was ich an mir mag.

Und das ist was?
Mein Bedürfnis, beweglich zu bleiben.


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