Unheilig
Schwarzes Blut
Der Graf ist ein Mysterium. Er ist der Kopf Band Unheilig und wurde über Nacht zu Deutschlands unbekanntestem Popstar. Laut Bild-Zeitung heißt er bürgerlich Bernd Heinrich und kommt aus Aachen. Das neue Unheilig-Album „Große Freiheit“ ging direkt an die Spitze der Charts. Darauf verschmelzen dunkel-romantische Chansons, klassische Filmmusik, hymnische Breitwand-Gitarren und treibende Beats zu einem ganz eigenen Sound irgendwo zwischen Marilyn Manson und Hans Albers. Ein ausgesprochen netter „Blaublüter“ gab Olaf Neumann Audienz.

Sie nennen sich „Der Graf“. Zu welchem Adelshaus gehören Sie?
Der Graf: Ich bin gar nicht adelig. Das ist nur ein Pseudonym, weil ich Privates und Musikalisches voneinander trennen will. Das habe ich schon so gemacht, als mich noch niemand kannte. Mittlerweile wird der Personenkult um den Grafen immer größer. Ich bin ja derjenige, der sein Gesicht überall hinhält. Ich stehe gern bei den Leuten, aber wenn ich vier Stunden Autogramme gegeben habe, bin ich wirklich platt.
Das neue Unheilig-Album „Große Freiheit“ ist von Metaphern aus der Seefahrt geprägt. Was fasziniert Sie daran?
Der Graf: Bei der letzten Tournee war ich am Meer. Dabei wurde der Grundstein des neuen Albums gelegt. „Große Freiheit“ handelt von der Weite und der Ferne. Ich habe bei meinen Alben gerne einen Rahmen, in dem sich die Lieder wiederfinden. Die Thematik „Große Freiheit“ erzeugt unheimlich viele Bilder im Kopf.
Haben Sie zur Einstimmung noch einmal Jack Londons „Seewolf“ gelesen?
Der Graf: Nee, aber ich habe mir noch einmal „Das Boot“ angeguckt. Filme sind gute Empfindungsgeber. Mit diesen Bildern im Kopf wollte ich beim Hörer die raue und kalte Nordsee aufkommen lassen. Das Album funktioniert wie ein Hörspiel. Die entsprechenden Geräusche zu finden, hat eine ganze Woche gedauert. Eine richtige Sisyphusarbeit.
Ihre Musik hat durchaus etwas Filmisches.
Der Graf: Schon als Kind habe ich versucht, mir meine eigenen Soundtracks zu den Filmen zu komponieren, die ich gerade gesehen hatte. Später wurde ich zu einem Fan von Hans Zimmer und Ennio Morricone. Das Epische und Große findet man auch in meiner Musik wieder.
Muss man sich bei der diesjährigen Tournee auf großes Kino einstellen?
Der Graf: Normalerweise stehen wir auf der Bühne und machen eine gute Show. Aber bei dieser Tour wird wesentlich mehr passieren. Wenn alles klappt wie geplant, wird diese Show Maßstäbe setzen. Mehr wird nicht verraten. Wir bringen unsere Bühne komplett mit, um überall die gleiche Qualität zu garantieren. Allerdings müssen wir aufpassen, dass dabei keine Wand zum Publikum entsteht. Ich möchte nämlich immer gern bei den Leuten sein.
Ihre Musik ist einerseits dem Underground verhaftet, andererseits kommt sie mit großen Melodien daher. Für Sie kein Widerspruch?
Der Graf: Finde ich nicht schlimm. Ehrlich gesagt kann ich es auch gar nicht anders. Es ist einfach das, was aus mir heraussprudelt.
Über alledem thronen Sie mit Ihrer mächtigen Stimme. Wie haben Sie zu Ihrem intensiven Gesangsstil gefunden?
Der Graf: Ich habe 1992 zum ersten Mal gesungen. Lange Zeit fehlte mir der Mut dazu, weshalb ich immer nur Instrumentalmusik gespielt habe. Meine Gesangstechnik habe ich mir komplett selbst beigebracht. Damit war dann auch der Graf geboren.
Letztes Jahr hatten Sie eine schlimme Kehlkopfentzündung. Wie beugen Sie vor, damit das nicht noch einmal passiert?
Der Graf: Es passierte letztes Jahr in Berlin beim letzten Konzert der Puppenspieler-Tournee. Trotz Erkältung habe ich das Konzert gemacht, anschließend war meine Stimme weg. Der Arzt sagte: „Zwei Wochen Sprechverbot! Danach kann ich dir sagen, ob du jemals wieder auftreten darfst“. Innerhalb dieser Zeit habe ich mein Leben komplett umgekrempelt und bin noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Heute spielen wir maximal vier Konzerte hintereinander.
Die neue Single „Geboren um zu leben“ scheint die gedankliche Weiterführung Ihres Songs „An deiner Seite“ zu sein. Darin besangen Sie den Verlust eines engen Freundes.
Der Graf: „An deiner Seite“ schrieb ich letztes Jahr für einen guten alten Freund, der im Sterben lag. Er ist inzwischen verstorben. Für mich persönlich ein einschneidendes Erlebnis. Im Nachhinein finde ich es richtig, dass ich das nach außen getragen habe. Eigentlich dachte ich, die Sache sei für mich abgehakt. War sie aber nicht. Es kommen immer wieder Momente, wo ich merke, wie mir dieser Freund fehlt. Also schrieb ich mir meine ganzen Gedanken von der Seele. Heraus gekommen ist der Text „Geboren um zu leben“. Es ist ein Abschluss und zugleich ein Startschuss für die „Große Freiheit“.
Ihre Art von Trauerarbeit?
Der Graf: Inzwischen kann ich darüber reden. Ich war dabei, bis bei ihm die Lichter ausgingen. Ich habe ihn natürlich gefragt, ob das Lied für ihn in Ordnung sei. „An deiner Seite“ zu singen war zuerst eine sehr schmerzvolle Erfahrung, aber es war genau das Richtige, weil ich darauf unheimlich viele positive Mails bekommen habe. Man kann solch einen Verlust erst dann verarbeiten, wenn man ihn noch einmal durchlebt. Durch mein Lied ist dieser Freund für mich unsterblich geworden.
Es heißt, wer glauben kann, kann mit Leid anders umgehen. Welche Rolle spielt der Glaube für Sie als erklärter Unheiliger?
Der Graf: Ich bin total gläubig. Ich denke wirklich jeden Tag an Gott. Für mich ist es ein lieber Gott und kein böser. Meine Vorstellung ist, dass dieser verstorbene Freund jetzt irgendwo ist und es ihm gut geht. Ich habe erzählt bekommen, dass „An deiner Seite“ bei Beerdigungen gewünscht wird. Wenn der Pfarrer dann fragt, wer denn dieses schöne Lied gemacht habe, muss er bei dem Namen „Unheilig“ erst mal schlucken. Aber letzten Endes finden sie es gut. Ein Geistlicher kennt ja die Definition dieses Wortes: Unheilig ist jemand, der sich nicht an den Gesetzen der Kirche orientiert. Mit Satanismus hat das nichts zu tun. Apokalypse bedeutet auch nicht das Ende der Welt, sondern Offenbarung.
Was sind die Gründe für Ihr Unheilig-Sein?
Der Graf: Ich kann nichts damit anfangen, was mit diesen ganzen Religionen gemacht wird. Zum Beten brauche ich kein Haus, das kann ich überall tun. Diese Einstellung ist in den Augen aller Religionen halt etwas Unheiliges. Man kann es auch Trotz nennen, aber ich nenne es freien Glauben. Ich muss nur vor dem lieben Gott Rechenschaft ablegen.
In Ihren Liedern kritisieren Sie auch den Fortschritt. Was hat Ihr Denken geprägt?
Der Graf: Ich bin ein bisschen bei den alten Werten hängengeblieben: Hoffnung, Glaube, skeptisch gegenüber allem Neuen, stolz auf etwas zu sein was man geschafft hat und sich nicht fallen zu lassen. Das Album „Moderne Zeiten“ war von einer starken Skepsis gegenüber der staatlichen Kontrolle geprägt. Bei „Große Freiheit“ hingegen geht es nicht um Fortschritt, sondern um das freie Denken.
Ihre Musik verströmt eine Lust am wohligen Schaudern. Profitieren Sie von dem Hype um „Harry Potter“ und „Twilight“?
Der Graf: Ich glaube nicht. Diese Offenheit gegenüber Mystik gab es schon immer. Früher hießen die Filme „Nightmare Before Christmas“, heute ist es die „Twilight“-Reihe. Bei unseren Konzerten habe ich jedenfalls noch keinen „Harry-Potter“-Fan gesehen, der komplett in Uniform kam.
Sie waren auch schon zu Gast in der TV-Show „Frank - der Weddingplaner“. Frank Matthée hat u.a. die Hochzeit von Sarah Connor und Marc Terenzi ausgerichtet. Welche Hochzeit würde denn am besten zu Ihnen passen?
Der Graf: Eine ganz klassische Hochzeit mit der Braut in Weiß im Kreise der ganzen Familie. Vielleicht liegt es ja an meiner Erziehung, dass ich das Traditionelle gut finde. Zwei Paare aus der schwarzen Szene hatten sich bei Frank Matthée den Grafen von Unheilig zur Hochzeit gewünscht. Wir haben dann geprüft, ob das für uns wirklich realisierbar ist. Ich wollte im Fernsehen auf keinen Fall Karaoke singen. Aber Pro Sieben hat uns recht gut bei der ganzen Organisation geholfen.